KMR -
22.08.07 15:18
Im Rahmen der YiGG Themenwoche GAMING haben wir mit Dr. Michael Nagenborg einen Experten für ein Interview gewinnen können, der sich beruflich mit den Zusammenhängen zwischen Computerspielen und Politik auseinandersetzt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Medien in Stuttgart am Lehrstuhl von Prof. Dr. Rafael Capurro.1. Was halten Sie von Computerspielen?
Computerspiele sind ein wichtiger Bestandteil der Populärkultur geworden und aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Allerdings fällt ein Pauschal-Urteil über Spiele schwer: Dafür gibt es zu viele unterschiedliche Spiele und Spieletypen, unterschiedliche Arten des Umgangs mit den Spielen, verschiedene kulturelle Rahmenbedingungen etc. pp.2. Haben Sie selbst schon Computerspiele gespielt?
Ich spiele nun seit fast 20 Jahren regelmäßig.3. Welche Computerspiele haben Sie schon gespielt?
Ich bevorzuge Rollenspiele sowie Action-Adventure, gerne mit Horroreinschlag. Zur Zeit spiele ich Final Fantasy XII (PS2) und Castlevania Potrait of Ruin (DS).4. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Das Spektrum reicht von wow! was für ein tolles Spiel! (neue Welten, nette Geschichten, spannende Herausforderungen) bis zu Enttäuschung über schlecht programmierte Spiele und großer Frustration, wenn man feststellen muss, dass man für Actionspiele inzwischen doch zu alt geworden ist und die Reaktionsgeschwindigkeit nicht mehr ausreichen.5. Kennen Sie persönlich Menschen, die Computerspiele spielen?
In meinem Bekanntenkreis sind einige Computerspieler, wobei das Spektrum von ich muss alle Konsolen haben bis ich habe mir letzte Weihnachten auch eine WII gekauft reicht. Neuer Trend in meinem Bekanntenkreis: Koop-Spiele mit der Lebensgefährtin. Ich kenne auch Menschen, die nicht spielen.6. (Wie) Ändern diese Menschen Ihrer Meinung nach ihre Verhaltensweisen durch Computerspiele?
Für viele stellen Computerspiele eine interessante Erweiterung ihrer Freizeitaktivitäten dar, wenn sie erst einmal den Zugang gefunden haben. Kurzum: Gute Computerspiele können glücklich machen.7. Welche positiven bzw. negativen Eigenschaften schreiben Sie Computerspielen zu?
a) positive
Computerspiel können die Geselligkeit fördern, ermöglichen neue Erfahrungen, sind ein interessanter und z. T. anspruchsvoller Zeitvertreib. Im Großen und Ganzen würde ich Computerspielen alle positiven Eigenschaften zusprechen, die man einem guten Film oder einem guten Comic zusprechen kann und interaktiv sind sie auch noch.
b) negative
Computerspiele können echte Zeitfresser sein. Außerdem tendieren sie dazu wie andere Massenmedien auch komplexe Inhalte nur stark reduziert wiederzugeben.8. Denken Sie, dass Kinder bzw. Jugendliche durch Computerspiele zu Gewalttaten beeinflusst werden? Wenn ja, begründen Sie dies bitte.
Eine monokausale Verursachung würde ich ausschließen. Wenn im Einzelfall Personen tatsächlich durch Computerspiele Gewalt als Handlungsoption erlernen, so muss stets bedacht werden, dass der Mensch nur diejenigen Handlungsoptionen erlernt und verinnerlicht, welche er in der Praxis auch mit Erfolg anwenden kann. Wenn also Kinder und Jugendliche gewaltsame Handlungen aus Computerspielen erlernen können, dann deshalb, weil ihre Umwelt nicht entschieden genug gegen die Handlungsoption Gewalt vorgeht.9. (Inwiefern) Beeinflussen Computerspiele die schulischen Leistungen?
Wenn Kinder und Jugendliche Computerspiele wichtiger als ihre Hausarbeiten finden, dann dürfte dies sicherlich keine guten Auswirkungen auf ihre schulischen Leistungen haben. Computerspiele sind ein Ernst zu nehmendes Konkurrenzmedium zur Schule. Aber auch viele positive Aspekte sind denkbar: Sie können zur Entspannung dienen, sie können neugierig auf bildungsrelevante Stoffe machen, sie können die Hemmungen gegenüber neuen Technologien abbauen, das strategische Denken oder die räumliche Vorstellungskraft schulen usw. Der Einfluss dürfte jedoch im individuellen Fall von der Fähigkeit der einzelnen Person abhängen, Computerspiele in ihren individuellen Lebensentwurf zu integrieren (was allerdings auch für die Schule gilt).10. Werden aus Computerspielern andere Menschen?
Die Entscheidung für oder gegen Computerspiele ist eine Entscheidung für einen bestimmten Lebensentwurf. Insofern werden aus Computerspielern andere Menschen als aus Nicht-Computerspielern die aber durch ihre Entscheidung ebenfalls anders werden. Bestimmte Lebensformen oder Lebensstile sind ohne die Praxis des Computerspielens nicht denkbar, insofern gibt es neue Identitätsangebote. Allerdings sind Leseratten ohne das Medium Buch ebenfalls nicht denkbar.
Herr Dr. Nagenborg, danke für Ihre Bereitschaft zum Interview!
- An Themenwoche GAMING: Interview mit Dr. Michael Nagenborg Twitter senden
- Mit Themenwoche GAMING: Interview mit Dr. Michael Nagenborg Facebook empfehlen

Amen Bruder!